Österreichs Wirtschaft hält durch — doch der Gegenwind baut sich schnell auf
Laut dem Konjunkturradar der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) vom Mai 2026 zeigte Österreichs Wirtschaft im ersten Quartal 2026 überraschende Widerstandskraft, trotz de…
Österreichs Wirtschaft hält durch — doch der Gegenwind baut sich schnell auf
Eine fragile Erholung trifft auf steigende Energiepreise, erschüttertes Verbrauchervertrauen und einen Konflikt, der alles aus der Bahn werfen könnte
VERÖFFENTLICHT 28. Juni 2026
Laut dem Konjunkturradar der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) vom Mai 2026 zeigte Österreichs Wirtschaft im ersten Quartal 2026 trotz des Ausbruchs des Iran-Konflikts Ende Februar überraschende Widerstandskraft — doch die Frühindikatoren blinken für die kommenden Monate schon warnend.
Ein bescheidenes, aber bedeutsames Wachstum im ersten Quartal
Trotz des turbulenten globalen Hintergrunds wuchs Österreichs Wirtschaft nach der WIFO-Schnellschätzung im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent — was einem BIP-Plus von 0,6 Prozent im Jahresvergleich entspricht. Getragen wurde das Wachstum vor allem von der Binnennachfrage: Der private Konsum stieg um 0,8 Prozent und die Bruttoanlageinvestitionen kletterten gegenüber dem Vorquartal um 1,0 Prozent. Der öffentliche Konsum fügte weitere 0,4 Prozent hinzu. Der Außenhandel wirkte jedoch als Bremse — die Exporte bewegten sich mit 0,1 Prozent kaum, während die Importe um 0,9 Prozent zulegten.
Der Iran-Konflikt trifft Energie, Materialien und Lieferketten
Der Ende Februar 2026 ausgebrochene Konflikt steht im Zentrum der wirtschaftlichen Unsicherheit Österreichs. Die Zerstörung der Energieinfrastruktur in der Region dürfte eine länger anhaltende Knappheit bei Öl und Gas erzeugen. Über die Energie hinaus hat der Konflikt die Kosten energieintensiver Güter wie Düngemittel bereits nach oben getrieben und Knappheiten bei Rohstoffen wie Helium geschaffen — einem kritischen Einsatzstoff der Halbleiterproduktion. Erste Anzeichen von Lieferkettenstörungen sind in der österreichischen Industrie schon sichtbar, und die Wirkung auf die Wirtschaftstätigkeit im zweiten Quartal 2026 dürfte ausgeprägter sein.
Branchenbild: Der Bau fällt weiter, die Finanzwirtschaft gewinnt
Die WIFO-Schnellschätzung zeichnet für das erste Quartal 2026 ein gemischtes Branchenbild. Konsumnahe Dienstleistungen — Handel, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie — verzeichneten einen leichten Rückgang von 0,4 Prozent, getroffen von steigenden Kraftstoffkosten, die den Transport verteuerten. Das Verarbeitende Gewerbe rutschte ebenfalls um 0,4 Prozent, da der Iran-Konflikt eine beginnende Erholung in der Metall- und Maschinenbaubranche verzögerte. Der Bau setzte seinen langen Rückgang mit minus 0,5 Prozent fort und verlängerte damit eine Schrumpfung, die nun seit 2019 läuft. Positiv: Finanz- und Versicherungsdienstleistungen legten um 1,0 Prozent zu, und der öffentliche Sektor wuchs moderat.
Unternehmensinvestitionen in Gefahr, während die Kreditnachfrage schwächelt
Nach fast drei Jahren Rückgang hatte sich die Kreditnachfrage der Unternehmen in Österreich ab Mitte 2025 zu erholen begonnen, getrieben von der steigenden Nachfrage nach langfristiger Investitionsfinanzierung. Der Iran-Konflikt droht diesen Fortschritt nun umzukehren. Nach dem Bank Lending Survey der Oesterreichischen Nationalbank dürfte die Kreditnachfrage der Unternehmen im zweiten Quartal 2026 erneut sinken, da die Betriebe ihre Investitionspläne angesichts erhöhter Unsicherheit zurückstellen. Die Nachfrage nach Wohnbaukrediten wächst dagegen weiter — gestützt von Finanzierungskosten, die deutlich unter ihrem Höchststand von 2024 liegen.
Das Verbrauchervertrauen erhält einen weiteren Schlag
Das österreichische Verbrauchervertrauen war von zwei Jahren Rezession ohnehin schon zerschlagen und auf Niveaus gefallen, die seit der Finanzkrise und der COVID-Pandemie nicht mehr gesehen wurden. Der Iran-Konflikt hat der Verbraucherstimmung einen weiteren Schlag versetzt. Die Sorge um Arbeitsplatzverluste bleibt hoch und führt zu erheblicher Zurückhaltung sowohl bei größeren Anschaffungen als auch bei alltäglichen Ausgaben. Real und pro Kopf liegt der private Konsum in Österreich derzeit knapp unter dem Niveau von 2019 — er stagniert damit faktisch seit sechs Jahren. Bemerkenswert ist, dass diese Konsumschwäche deutlich ausgeprägter ist als in Deutschland, was auf strukturelle und nicht nur konjunkturelle Faktoren hindeutet.
Der Nachfragemangel bleibt das größte Problem der Industrie
Seit fast drei Jahren leidet die österreichische Industrie unter einem schweren Nachfragemangel. Fast 29 Prozent der heimischen Industriebetriebe nennen derzeit den Nachfragemangel als wichtigstes Produktionshindernis — ein Anteil, der nur während der Finanzkrise und der COVID-Pandemie übertroffen wurde. Der Iran-Konflikt hat eine neue Druckschicht hinzugefügt: Der Anteil der Unternehmen, die Materialknappheit melden, ist auf 11 Prozent gestiegen. Arbeitskräftemangel wird dagegen nur noch von 7 Prozent der Betriebe genannt — ein dramatischer Rückgang, der die sich verschlechternde Beschäftigungslage spiegelt, mit allein 25.400 verlorenen Arbeitsplätzen im Verarbeitenden Gewerbe in den vergangenen drei Jahren.
Der Weg nach vorn: widerstandsfähig, aber anfällig
Österreichs Wirtschaft hat sich angesichts eines neuen geopolitischen Schocks widerstandsfähiger gezeigt als von vielen erwartet. Doch die WKO sieht die Risiken klar: Die Abwärtsrisiken für das Wachstum überwiegen nun die Aufwärtsrisiken, während die Inflationserwartungen gleichzeitig steigen — eine schwierige Verbindung für die Politik. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass eine zügige Umsetzung von Strukturreformen auf nationaler Ebene, verbunden mit gut koordinierten kurzfristigen Krisenmaßnahmen in ganz Europa, unerlässlich sein wird, um die Erholung zu schützen und einen erneuten Abschwung zu verhindern.
Quelle: reformbusiness.com