Die Schweiz zwischen zwei Zukünften: Die SECO-Prognose vermisst den Abstand zwischen Erholung und Risiko
Laut „Konjunkturprognose und Szenario Schweiz, Frühjahr 2026“, der Frühjahrsprognose des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), ist die Schweizer …
Die Schweiz zwischen zwei Zukünften: Die SECO-Prognose vermisst den Abstand zwischen Erholung und Risiko
Berns Wirtschaftsfachleute veröffentlichen eine Basisprognose und eine Warnung — und der Abstand zwischen beiden ist größer als angenehm
VERÖFFENTLICHT 28. Mai 2026
Eine vorsichtige Basisprognose in einem vorsichtigen Jahr
Laut „Konjunkturprognose und Szenario Schweiz, Frühjahr 2026“, der Frühjahrsprognose des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), ist die Schweizer Wirtschaft auf einem sich stabilisierenden Pfad in das Jahr 2026 gestartet, den der Iran-Krieg seither verkompliziert, aber nicht zum Entgleisen gebracht hat. Das BIP wuchs im vierten Quartal 2025 um 0,2 Prozent, nach einem Rückgang von 0,4 Prozent im Vorquartal, und die frühen Indikatoren für das erste Quartal 2026 — darunter ein positiver Außenhandelsbericht für Januar und bessere KOF-Umfragewerte — deuteten auf erneutes Wachstum.
Die Expertengruppe des SECO hat auf den geopolitischen Schock mit einer geringfügigen Kürzung ihrer BIP-Prognose für 2026 von 1,1 auf 1,0 Prozent reagiert — eine Zahl, die eine Wirtschaft beschreibt, die unter ihrem langjährigen Durchschnitt wächst, aber eben wächst. Für 2027 bleibt die Prognose bei 1,7 Prozent, wobei die Expertengruppe eine allmähliche Normalisierung der Energiepreise und eine Erholung der europäischen Nachfrage, besonders aus Deutschland, annimmt. In der Basisprognose bewegt sich die Schweizer Wirtschaft durch den Iran-Krieg als Gegenwind, nicht als Wand.
Warum die Schweiz weniger exponiert ist als ihre Nachbarn
Eine der lehrreicheren Passagen des SECO-Berichts betrifft die strukturelle Abschirmung der Schweiz gegen Energiepreisschocks — und warum sie deutlich stärker ist als jene ihrer Nachbarn im Euroraum. Die Analyse nennt drei unterschiedliche Puffer.
Erstens ist die Schweizer Wirtschaft strukturell weniger energieintensiv als die meisten vergleichbaren europäischen Volkswirtschaften. Ihre dienstleistungslastige Struktur, verbunden mit einer Industrie, die auf Präzisionsbranchen mit hoher Wertschöpfung statt auf schwere Massenproduktion ausgerichtet ist, bedeutet, dass die Energiekosten einen kleineren Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung haben. Der Energieanteil im Schweizer Verbraucherpreisindex liegt bei rund 5,1 Prozent — gegenüber 9,0 Prozent im Euroraum.
Zweitens neigt der Schweizer Franken dazu, in Phasen geopolitischen Stresses aufzuwerten, und wirkt als Fluchtwährung. Da Öl in US-Dollar notiert, bietet eine Aufwertung des Frankens einen automatischen Teilausgleich für steigende Rohölpreise — ein Mechanismus, der Schweizer Verbraucher und Betriebe teilweise vor der vollen nominalen Wirkung des Rohstoffschocks schützt.
Drittens werden die Schweizer Stromtarife für Haushalte jährlich festgelegt und nicht laufend an die Marktpreise angepasst. Diese regulatorische Eigenheit bedeutet, dass Energiekostensteigerungen die Verbraucher mit Verzögerung erreichen, was die inflationäre Wirkung kurzfristig glättet — das SECO hält jedoch fest, dass daraus auch eine gewisse Hartnäckigkeit des Preisdrucks weiter draußen folgt.
Inflation: niedrig im europäischen Vergleich, dennoch steigend
Vor diesem Hintergrund struktureller Widerstandskraft bleibt das Schweizer Inflationsprofil für 2026 im Vergleich zu den Handelspartnern auffällig gutartig. Das SECO hob seine Inflationsprognose für 2026 von 0,2 auf 0,4 Prozent an — immer noch eine Zahl, die die meisten europäischen Volkswirtschaften mit Neid betrachten würden. Für 2027 liegt die Projektion bei 0,5 Prozent.
Der Kontrast zum Euroraum ist scharf. Die SECO-Basisprognose erwartet für den Euroraum 2026 eine Inflation von 2,5 Prozent, während die Schweiz komfortabel unter 1 Prozent bleibt. Die Divergenz spiegelt nicht nur die geringere Energieexponierung der Schweiz, sondern auch eine moderatere Dienstleistungsinflation — eine Folge davon, dass die Schweizer Lohndynamik nicht demselben Zweitrundendruck ausgesetzt war, der die Dienstleistungspreise in der Währungsunion nach oben getrieben hat.
Dennoch hat sich die Richtung geändert. Die Inflation in der Schweiz steigt und sinkt nicht, und der Energiepreisschock ist der Haupttreiber. Die korrigierte Prognose räumt ein, dass höhere Kraftstoffkosten das Wachstum der realen Haushaltseinkommen dämpfen und damit die Ausweitung des privaten Konsums bremsen — aber nicht umkehren.
Das Wachstum im Detail: Die Binnennachfrage trägt die Last
Die Wachstumsaufschlüsselung des SECO zeigt für die Schweizer Wirtschaft 2026 ein bekanntes Muster. Die Binnennachfrage — und vor allem der private Konsum — bleibt der wichtigste Motor der BIP-Expansion. Bei haltenden Beschäftigungszahlen, stabilen Haushaltseinkommen und Zinsen, die noch deutlich unter ihren Höchstständen von 2024 liegen, dürften die Schweizer Verbraucher in einem Tempo weiter ausgeben, das die Wirtschaft spürbar stützt.
Der öffentliche Konsum soll etwas stärker wachsen als zuvor erwartet — ein Spiegel höherer staatlicher Ausgabenzusagen, auch im Bereich Verteidigung und Infrastruktur. Die Bautätigkeit dürfte anziehen, gestützt von niedrigen Leerstandsquoten, entgegenkommenden Finanzierungsbedingungen und einer Pipeline von Baugenehmigungen, die auf steigende Wohn- und Gewerbeentwicklung hindeutet.
Die Ausrüstungsinvestitionen bleiben jedoch das schwache Glied. Bei gedrückter industrieller Kapazitätsauslastung und einem vom Nahost-Konflikt eingetrübten Ausblick für die Auslandsnachfrage dürften Schweizer Unternehmen 2026 bei großen Kapitalzusagen zurückhaltend bleiben. Das SECO erwartet nur ein moderates Wachstum der Ausrüstungsausgaben — eine Beschränkung, die die Fähigkeit der Wirtschaft zur Beschleunigung begrenzt, selbst wenn sich das geopolitische Umfeld stabilisiert.
Auf der Außenseite dürfte die Kombination aus gedämpftem Welthandelswachstum, hoher Frankenbewertung und geopolitischer Unsicherheit auf den exponierten Schweizer Exportbranchen lasten. Dennoch soll der Handel einen moderat positiven Beitrag zum BIP leisten, was die Widerstandskraft der Schweizer Pharma-, Chemie- und Finanzdienstleistungsexporte spiegelt, die konjunkturell weniger empfindlich sind als die Industriegüter, die die deutschen und österreichischen Exportprofile dominieren.
Arbeitsmarkt und Sportereignisse: zwei ungewöhnliche Merkmale
Die SECO-Prognose enthält zwei Elemente, die sie von vergleichbaren europäischen Einschätzungen unterscheiden. Das erste ist ihre Arbeitsmarktprojektion. Die Schweizer Arbeitslosenquote — 2025 bei 2,8 Prozent — dürfte 2026 moderat auf 3,0 Prozent steigen und 2027 wieder auf 2,8 Prozent sinken. Das sind Zahlen, die in praktisch jeder anderen europäischen Volkswirtschaft Vollbeschäftigung bedeuten würden. Die leichte Aufwärtsbewegung spiegelt den Druck auf die Industriebeschäftigung durch die schwache Auslandsnachfrage, doch das Gesamtbild des Arbeitsmarktes bleibt angespannt.
Das zweite besondere Merkmal ist die ausdrückliche Verbuchung der wirtschaftlichen Wirkung internationaler Sportereignisse, die von Organisationen mit Sitz in der Schweiz veranstaltet werden. Die FIFA-Weltmeisterschaft in Nordamerika und die Olympischen Winterspiele in Mailand — beide von Verbänden mit Hauptsitz in der Schweiz verwaltet — dürften das Schweizer BIP-Wachstum 2026 über Lizenzeinnahmen, Übertragungserlöse und damit verbundene Finanzströme um 0,3 Prozentpunkte erhöhen. Dieser Sportereignis-Effekt bedeutet, dass die unbereinigte BIP-Wachstumszahl für 2026 bei 1,3 Prozent statt bei der Schlagzeilenzahl von 1,0 Prozent liegen wird. Für 2027, wenn keine Großereignisse geplant sind, ist eine entsprechende Bremswirkung von 0,3 Prozentpunkten eingerechnet.
Das Abwärtsszenario: Wie die Zahlen aussehen, wenn es schlimmer wird
Der analytisch strengste Abschnitt der SECO-Veröffentlichung ist ihr Alternativszenario — ein disziplinierter Stresstest, aufgebaut um einen schwereren und hartnäckigeren Energiepreisschock als in der Basisprognose. In diesem Szenario bleibt Öl das ganze zweite Quartal über bei oder über 100 Dollar je Barrel und sinkt danach nur allmählich. Die europäischen Gaspreise schießen auf 81,30 Euro je Megawattstunde — fast das Doppelte der Basisannahme von 45,80 Euro für 2026.
Die makroökonomischen Folgen sind erheblich. Das Schweizer BIP-Wachstum fällt 2026 auf 0,8 Prozent — zwei Zehntel Prozentpunkte unter der Basislinie. Die Inflation steigt auf 0,7 Prozent, nach europäischen Maßstäben noch niedrig, aber eine echte Abweichung vom jüngsten Preisumfeld der Schweiz nahe Null. Die Arbeitslosigkeit bleibt im Szenario 2026 bei 3,0 Prozent und geht 2027 langsamer zurück als im Basisfall.
Die Kanäle, über die das Szenario die Schweiz trifft, sind genau benannt: Höhere Inflation drückt die Realeinkommen und dämpft den Konsum; die Frankenaufwertung belastet exportorientierte Branchen; und die geringere globale Nachfrage, besonders aus dem Euroraum — wo das BIP-Wachstum im Szenario auf nur 0,4 Prozent gegenüber 0,9 Prozent in der Basislinie fällt —, schneidet in die Schweizer Industrie- und Finanzdienstleistungsexporte. Deutschland, das das SECO wegen seiner energieintensiven Industriebasis als besonders anfällig benennt, ist in jedem Szenario einer länger anhaltenden Störung der Energiemärkte implizit eine kritische Variable.
Die breitere Risikolandschaft
Der Risikoabschnitt des SECO geht über die Energiepreisszenarien hinaus und zählt eine breitere Reihe von Unsicherheiten auf. Die US-Handelspolitik bleibt eine lebendige Variable — das aktuelle Zollregime von 10 Prozent nach Section 122 des US-Handelsrechts kann ohne Zustimmung des Kongresses nur bis zum 24. Juli 2026 aufrechterhalten werden, was für den handelspolitischen Ausblick eine kurzfristige Klippe schafft. Auch Instabilität an den Finanzmärkten, globale Staatsschuldenrisiken und mögliche Bilanzschwächen bei Finanzinstituten werden benannt.
Auf der Aufwärtsseite räumt das SECO ausdrücklich ein, dass ein schneller als erwarteter Rückgang der Ölpreise, eine rasche Beilegung des Nahost-Konflikts oder eine robustere globale Erholung bessere Ergebnisse als die Basisprognose bringen könnten. Die Schweiz ist mit ihren strukturellen Puffern, ihrer währungspolitischen Unabhängigkeit und ihrem relativ abgeschirmten Konsumsektor wohl besser als die meisten positioniert, um von einer positiven Überraschung zu profitieren.
Die SECO-Prognose zeigt die Schweiz letztlich als ein Land, das viel von der Vorarbeit geleistet hat, die es braucht, um die aktuellen Turbulenzen zu überstehen — weniger Schulden, weniger Inflation, weniger Energieabhängigkeit und eine Währung, die so viel schützt, wie sie einschränkt. Was es nicht kontrollieren kann, ist das geopolitische Umfeld, in dem all diese Stärken geprüft werden.
Quelle: reformbusiness.com