Ein Prozent — und der Ölpreis, der es kosten könnte
Die Prognose: Einigkeit, in Unsicherheit verpackt
Ein Prozent — und der Ölpreis, der es kosten könnte
Die Schweizer Ökonomen haben eine Zahl für das Wachstum 2026. Das Problem ist: Sie kommt mit einer Bedingung.
VERÖFFENTLICHT 28. Mai 2026
Die Prognose: Einigkeit, in Unsicherheit verpackt
Laut „Unklare Ölpreise — Ökonomen sagen schwaches Wirtschaftsjahr voraus“, veröffentlicht von SRF News am 18. März 2026, sind die beiden führenden Konjunkturprognoseinstanzen der Schweiz — die vom SECO koordinierte Expertengruppe des Bundes und die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich — bei derselben Schlagzeilenzahl für 2026 angekommen: ein BIP-Wachstum von einem Prozent. Dieser Konsens ist bemerkenswert. Die Vorbehalte dazu sind es noch mehr.
Die SECO-Gruppe senkte ihre Dezemberprognose von 1,1 Prozent auf 1,0 Prozent und verwies auf die Wirkung des Iran-Krieges auf die globalen Energiemärkte. Die KOF kommt auf dieselbe Zahl — allerdings nur, wenn die Ölpreise von ihrem aktuellen hohen Niveau einigermaßen zeitnah sinken. Bleibt Öl dauerhaft teuer, fällt die Alternativprojektion der KOF für 2026 auf 0,7 Prozent Wachstum. Für 2027 sieht die KOF 1,7 Prozent im Basisfall und 1,5 Prozent bei hohen Energiepreisen. Der Ölpreis ist, in den Worten der Prognostiker, die eine Variable, die am stärksten bestimmt, welche dieser beiden Versionen des Jahres 2026 die Schweiz tatsächlich erleben wird.
Der private Konsum: der eine verlässliche Motor
Nimmt man die äußere Unsicherheit und die Investitionsschwäche weg, bleibt als verlässlicher Treiber der Schweizer Wirtschaft 2026 der private Konsum. Die KOF-Ökonomen halten fest, dass sich die Ausgaben der Haushalte trotz des schwierigen Umfelds robust halten sollten — gestützt von der Kombination aus niedriger Inflation, stabilem Lohnwachstum und einem Arbeitsmarkt, der zwar nachgibt, aber nicht eingebrochen ist.
Der strukturelle Vorteil der Schweiz in einer Phase energiegetriebener Inflation ist genau, dass ihr Preisumfeld dramatisch gutartiger bleibt als in den Nachbarländern. Mit einer in den KOF-Szenarien prognostizierten Inflation von nur 0,3 bis 0,6 Prozent halten die Reallöhne ihren Wert auf eine Weise, die deutsche, österreichische oder französische Haushalte derzeit nicht erleben. Die Schweizer Verbraucher stehen nicht unter derselben Kaufkraftzange, die den Einzelhandel jenseits der Grenze dämpft — und dieser Unterschied ist für die inländische Wirtschaftsdynamik spürbar bedeutsam.
Die Arbeitslosenquote dürfte bis Mitte 2026 moderat steigen und in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas nachgeben, halten die KOF-Prognostiker fest. Der Höchststand dürfte begrenzt bleiben, was bedeutet, dass die Arbeitsmarktangst, die die Vorsicht der Verbraucher in Abschwüngen typischerweise verstärkt, gedämpft bleiben sollte. Insgesamt dürfte der Haushaltssektor für das Schweizer Wachstum in den kommenden Quartalen eher ein Aktivposten als eine Belastung bleiben.
Die Bremse: Investitionen und der Bundeshaushalt
Komplizierter wird der Schweizer Ausblick auf der Investitionsseite. Die Unternehmen investieren wenig — eine Folge schwacher Erträge, hoher geopolitischer Unsicherheit und einer allgemeinen Zurückhaltung, Kapital in einem Umfeld zu binden, in dem der wirtschaftliche Kurs wirklich unklar bleibt. Die KOF benennt die schwachen Unternehmensinvestitionen neben den Konsolidierungsplänen des Bundes als eine der zentralen Wachstumsbremsen für 2026.
Dieser zweite Punkt verdient Betonung. Die Schweiz ist mit erheblichen Sanierungsarbeiten an den Bundesfinanzen in das Jahr 2026 gestartet, und die geplanten Haushaltskürzungen sind genau in dem Moment ein Gegenwind für die Gesamtnachfrage, in dem die Wirtschaft bereits äußere Schocks verkraften muss. Die Kombination aus privater Investitionszurückhaltung und öffentlicher Ausgabenbremse schafft eine strukturelle Belastung, die die Geldpolitik — unter der Unabhängigkeit der Schweizerischen Nationalbank — nur teilweise ausgleichen kann.
Positiver vermerkt SRF-Wirtschaftsredaktor Jan Baumann, dass die kürzliche Zollentlastung durch die Vereinigten Staaten die Ausgangslage für Teile der Schweizer Industrie verbessert hat. Er schränkt diesen Vorteil jedoch sorgfältig ein: Die hohe geopolitische Unsicherheit gleicht die Gewinne aus niedrigeren Handelsbarrieren teilweise aus, sodass der Nettoeffekt für die Schweizer Exporteure uneindeutig bleibt.
Warum die Schweiz weniger anfällig ist — bis zu einem Punkt
Die SRF-Analyse, die sich auf Beiträge von KOF und SECO stützt, betont ein Thema, das alle Schweizer Konjunkturkommentare dieser Zeit durchzieht: die strukturelle Abschirmung des Landes gegen Energiepreisschocks. Die Schweizer Industrie ist weniger energieintensiv als die deutsche oder österreichische. Ihr Dienstleistungssektor — Finanzen, Handel, IT, Tourismus — hat im Wirtschaftsgefüge ein weitaus größeres Gewicht. Und die Frankenstärke wirkt als automatische Importpreisbremse, die die inländische Weitergabe aus den in Dollar notierten Rohstoffmärkten dämpft.
SRF-Wirtschaftsredaktor Baumann sagt das direkt: Die Schweiz wird infolge des Nahost-Konflikts keine Wirtschaftskrise erleben, auch wenn sie eine Abkühlung spüren wird. Die Strukturen der Schweizer Wirtschaft — nicht ihre politischen Entscheidungen — leisten einen Großteil der Schutzarbeit.
Ebenso direkt ist Baumann allerdings dort, wo die Schwachstellen der Schweiz liegen. Beim Ölpreis ist die Schweiz relativ geschützt. Beim Handel nicht. Als stark exportorientierte Wirtschaft mit einem besonders bedeutenden Pharmasektor ist die Schweiz jeder Eskalation des US-Handelsdrucks überproportional ausgesetzt. Würde Washington die Preise für Pharmaprodukte nach unten drücken — ein erklärtes Ziel der aktuellen US-Regierung —, stünden die Schweizer Pharmakonzerne, die enorme Exporterlöse erzielen und einen großen Anteil am BIP ausmachen, in ihrem wichtigsten Markt unter direktem Druck.
Das Pharmarisiko: eine spezifisch schweizerische Bedrohung
Unter allen im SRF-Bericht aufgezählten Risikofaktoren sticht der mögliche US-Druck auf die Preise von Pharmaprodukten als besonders schweizerisch hervor. Keine andere Wirtschaft der Region ist dieser spezifischen Exponierung im gleichen Maß ausgesetzt. Pharma- und Life-Sciences-Unternehmen mit Sitz in der Schweiz — darunter einige der weltgrößten — hängen für ihre globale Profitabilität stark von der Preisgestaltung im US-Markt ab. Jede strukturelle Senkung der US-Arzneimittelpreise durch Regulierung oder Verordnung würde ihre Erlöse, ihre Investitionsbudgets und damit auch die Steuerbasis und die Exporteinnahmen der Schweizer Wirtschaft treffen.
Die KOF-Ökonomen benennen dies als eigenständiges und „erhebliches“ Abwärtsrisiko. Es wirkt über einen anderen Kanal als der Energiepreisschock — nicht über Inflation oder Lieferketten, sondern über Unternehmensgewinne und strategische Investitionsentscheidungen. Und anders als beim Iran-Konflikt, für den zumindest ein plausibles Szenario relativ schneller Beilegung existiert, wäre eine in den USA beschlossene Reform der Arzneimittelpreise eine strukturelle und dauerhafte Veränderung des Wettbewerbsumfelds der Schweizer Industrie.
Die Investitionsfalle: ein sich selbst verstärkendes Problem
Eine der feineren Dynamiken der SRF-Analyse ist das Risiko einer Investitionsfalle — eine Lage, in der Unsicherheit Vorsicht erzeugt, Vorsicht die Investitionen senkt, geringere Investitionen die Wirtschaftsleistung schwächen und die schwächere Leistung die Unsicherheit verstärkt. Die Sorge der KOF, dass Unternehmen mit Investitionszusagen in den Vereinigten Staaten Kapital von ihren Schweizer Standorten umlenken könnten, spricht genau dieses Risiko an.
Reagieren Schweizer Firmen auf die geopolitische Unsicherheit und die Anreize des US-Marktes mit geringeren Investitionen im Inland, könnte das langfristige Produktionspotenzial der Schweizer Wirtschaft — und nicht nur ihre kurzfristige konjunkturelle Entwicklung — betroffen sein. Das ist nicht das zentrale Szenario, aber ein Weg von einem schwachen Jahr zu einem strukturell schwierigeren mittelfristigen Ausblick. Die Einordnung der Prognoserisiken durch die KOF als „überwiegend abwärtsgerichtet“ spiegelt genau diese Asymmetrie: Die Wege zu einem schlechteren Ergebnis sind zahlreicher und näher als die Wege zu einem besseren.
Das Fazit: ein langsames Jahr, das die Schweiz bewältigen kann — knapp
Ein Prozent Wachstum ist nicht nichts. Es bedeutet positive Dynamik in einem Umfeld, in dem mehrere europäische Volkswirtschaften kaum wachsen. Der Schweizer Arbeitsmarkt bleibt in jedem historischen oder internationalen Vergleich angespannt. Ihre Inflation ist ein Bruchteil dessen, was die Nachbarn erleben. Ihre öffentlichen Finanzen stehen unter Druck, aber nicht in einer Krise. Und ihre strukturelle Abschirmung gegen die akuteste Form des aktuellen Schocks — die Energiepreiskomponente — bietet echten Schutz.
Doch ein Prozent ist auch nicht genug, um sich wie Erholung anzufühlen. Es ist Wachstum, das für die meisten Schweizer Haushalte und Betriebe unsichtbar bleibt, verdeckt von steigenden Kosten, schwachen Investitionen, unsicheren Exportaufträgen und dem allgemeinen Gefühl, dass das Umfeld härter und weniger vorhersehbar geworden ist. Der Ölpreis ist die unmittelbare Variable. Die tiefere Frage, die die SRF-Analyse aufwirft, ist jedoch, ob die Schweiz das Vertrauen ihres Unternehmenssektors durch eine Phase geopolitischer Turbulenzen tragen kann, ohne die Investitionsdynamik zu opfern, die sie brauchen wird, wenn sich die Bedingungen irgendwann verbessern.
Das Pharmarisiko: eine spezifisch schweizerische Bedrohung
Unter allen im SRF-Bericht aufgezählten Risikofaktoren sticht der mögliche US-Druck auf die Preise von Pharmaprodukten als besonders schweizerisch hervor. Keine andere Wirtschaft der Region ist dieser spezifischen Exponierung im gleichen Maß ausgesetzt. Pharma- und Life-Sciences-Unternehmen mit Sitz in der Schweiz — darunter einige der weltgrößten — hängen für ihre globale Profitabilität stark von der Preisgestaltung im US-Markt ab. Jede strukturelle Senkung der US-Arzneimittelpreise durch Regulierung oder Verordnung würde ihre Erlöse, ihre Investitionsbudgets und damit auch die Steuerbasis und die Exporteinnahmen der Schweizer Wirtschaft treffen.
Die KOF-Ökonomen benennen dies als eigenständiges und „erhebliches“ Abwärtsrisiko. Es wirkt über einen anderen Kanal als der Energiepreisschock — nicht über Inflation oder Lieferketten, sondern über Unternehmensgewinne und strategische Investitionsentscheidungen. Und anders als beim Iran-Konflikt, für den zumindest ein plausibles Szenario relativ schneller Beilegung existiert, wäre eine in den USA beschlossene Reform der Arzneimittelpreise eine strukturelle und dauerhafte Veränderung des Wettbewerbsumfelds der Schweizer Industrie.
Die Investitionsfalle: ein sich selbst verstärkendes Problem
Eine der feineren Dynamiken der SRF-Analyse ist das Risiko einer Investitionsfalle — eine Lage, in der Unsicherheit Vorsicht erzeugt, Vorsicht die Investitionen senkt, geringere Investitionen die Wirtschaftsleistung schwächen und die schwächere Leistung die Unsicherheit verstärkt. Die Sorge der KOF, dass Unternehmen mit Investitionszusagen in den Vereinigten Staaten Kapital von ihren Schweizer Standorten umlenken könnten, spricht genau dieses Risiko an.
Reagieren Schweizer Firmen auf die geopolitische Unsicherheit und die Anreize des US-Marktes mit geringeren Investitionen im Inland, könnte das langfristige Produktionspotenzial der Schweizer Wirtschaft — und nicht nur ihre kurzfristige konjunkturelle Entwicklung — betroffen sein. Das ist nicht das zentrale Szenario, aber ein Weg von einem schwachen Jahr zu einem strukturell schwierigeren mittelfristigen Ausblick. Die Einordnung der Prognoserisiken durch die KOF als „überwiegend abwärtsgerichtet“ spiegelt genau diese Asymmetrie: Die Wege zu einem schlechteren Ergebnis sind zahlreicher und näher als die Wege zu einem besseren.
Das Fazit: ein langsames Jahr, das die Schweiz bewältigen kann — knapp
Ein Prozent Wachstum ist nicht nichts. Es bedeutet positive Dynamik in einem Umfeld, in dem mehrere europäische Volkswirtschaften kaum wachsen. Der Schweizer Arbeitsmarkt bleibt in jedem historischen oder internationalen Vergleich angespannt. Ihre Inflation ist ein Bruchteil dessen, was die Nachbarn erleben. Ihre öffentlichen Finanzen stehen unter Druck, aber nicht in einer Krise. Und ihre strukturelle Abschirmung gegen die akuteste Form des aktuellen Schocks — die Energiepreiskomponente — bietet echten Schutz.
Doch ein Prozent ist auch nicht genug, um sich wie Erholung anzufühlen. Es ist Wachstum, das für die meisten Schweizer Haushalte und Betriebe unsichtbar bleibt, verdeckt von steigenden Kosten, schwachen Investitionen, unsicheren Exportaufträgen und dem allgemeinen Gefühl, dass das Umfeld härter und weniger vorhersehbar geworden ist. Der Ölpreis ist die unmittelbare Variable. Die tiefere Frage, die die SRF-Analyse aufwirft, ist jedoch, ob die Schweiz das Vertrauen ihres Unternehmenssektors durch eine Phase geopolitischer Turbulenzen tragen kann, ohne die Investitionsdynamik zu opfern, die sie brauchen wird, wenn sich die Bedingungen irgendwann verbessern.
Quelle: reformbusiness.com